Kurzgeschichten

Freitagnachmittag oder Feiertagsvorfreuden

Februar 1, 2018

 Eine kleine Satire

Arbeitsschluss. Die Werkssirene verkündete den Beginn der Freizeit. Zwanzig Minuten später saß ich in meinem Wagen. Einkaufen sollte ich. Wo war nur diese Liste geblieben? Meine Frau hatte gestern Abend alle Vorratsschränke durchforstet auf der Suche nach fehlenden Lebensmitteln – ein Paradoxon.

Ich fand den unscheinbaren Zettel, startete das Fahrzeug und reihte mich ein in diese Blechlawine, deren Ende nicht einmal am Horizont zu sehen war. Seltsamerweise wollten alle – nur wenige Automobilisten fuhren vorbei – zu demselben Supermarkt, den auch ich ansteuerte. Der Begriff Supermarkt klingt irgendwie zu wenig für das Angebot jenes allumfassenden, Waren aus aller Welt anpreisenden Tempels des Einkaufsrausches.

Es dauerte eine Ewigkeit, bis ich einen Parkplatz in weiter Ferne fand. Nun stand das nächste Problem an: Die Garagen jener vierrädrigen Drahtkorb-Schiebvorrichtungen, die benötigt werden, um den frisch erworbenen Alltagskrempel in dem fahrbaren Untersatz zu verstauen, waren leer. Das habe ich noch nie erlebt. Da fiel es mir ein: Am Samstag und der folgende Montag sind Feiertage, die Geschäfte geschlossen. Die Menschheit musste drei Tage überleben!

Ich hatte Glück. Zufällig tauchte ein Bekannter neben mir auf, sein Einkaufsgefährt beladen mit drei Kästen Bier. „Du hast wohl eine Feier auszurichten?“ – „Nein. Das Bier ist im Angebot. Es gibt tatsächlich Leute, die nur eine oder zwei Flaschen davon kaufen. Kannst du dir das vorstellen?“

Ich übernahm seinen Einkaufswagen. Auf ins Getümmel!

Hinter der Drehtür, die stockte, da jemand in die Tür drängte, obwohl diese eigentlich schon so gut wie zugefahren war, empfing mich ein Stimmengewirr in der Lautstärke startender Flugzeuge.

Jeder schien es eilig zu haben. Es wurde gedrängelt, geschoben, Einkaufswagen fuhren ineinander, Angestellte zeichnete der Stress.

Trotz aller Hektik entdeckte ich einen älteren Herrn, der es sich nicht nehmen ließ, vor einem Zeitungsregal stehend, ein Tageblatt von vorn bis hinten durchzulesen um es danach sorgsam zusammenzufalten und ins entsprechende Fach zurückzulegen.

Plötzlich schrie mich ein kleiner Mann an, forderte mich auf, doch einmal diesen guten Wein aus Frankreich zu probieren. Diese Flasche sei am besten in Verbindung mit einem guten Käse zu genießen. Als ich mich von dem Schreck erholte, registrierte ich, der Mann war gar nicht so klein, er betrieb Werbung, gesendet über einen Bildschirm, den man im Regal platziert hatte.

Vor dem Wurst und Fleischstand drängte sich ein Knäuel aus Einkaufskörben und Menschen. Der Anblick erinnerte mich an diese Rätselbilder, bei denen man einen Weg durch das Labyrinth finden musste.

Irgendjemand verlangte fünfzig Gramm Leberwurst. Eine der Verkäuferinnen hinter der Theke fragte: „ … im Stück oder geschnitten?“ Hoffentlich sprach sie mit einem anderen Kunden, grinste ich vor mich hin, das Bild eines Schnippselchens dieser Streichwurst und eines Messers vor Augen. Da sollte man Wachspapier dazwischen legen, damit die Wurst nicht wieder zusammenpappt.

Es dauerte nicht lange bis ich mich in einer nicht enden wollenden Schlange vor einer der zehn Kassen wiederfand. Verwundert betrachtete ich die turmhoch beladenen Einkaufswagen um mich herum. Ihre Lenker gaben schwindelerregende Summen aus. Ich sah in meinen Wagen: Verschwindend wenig befand sich darin. Es ging nur darum, unsere Vorräte aufzufüllen.

Die Kassiererin schob meine Waren über den Scanner. Sie war müde, blass. Die Schikanen dieser Schicht standen ihr ins Gesicht geschrieben. Plötzlich sah sie auf: „Ist das alles?“ – „Ja. Oder steht eine Lebensmittelknappheit bevor, die Menschen zu Hamsterkäufen veranlasst?“ Sie lachte schallend. Ich zahlte und quälte mich durch den endlosen Strom blecherner Karossen nach Hause.

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